Wanne goes China 2019

Über 8808,49 km Luftlinie erstrecken sich zwischen Deutschland und China, aber auch kulturell unterscheidet sich die Volksrepublik China von der Bundesrepublik Deutschland. Alle zwei Jahre findet ein Austausch mit der „Yushan No.1 Middle School“ in Shangrao statt und das bereits seit sieben Jahren. Die Anstrengung eines 10stündigen Hinflugs nahmen auch dieses Jahr wieder vier Schüler*innen des Gymnasiums Wanne auf sich, um einen vierzehntägigen Einblick in die kulturelle Vielfalt und das Alltagsleben in China zu erhalten.

Der 2. Oktober dieses Jahres markierte sowohl den Beginn der diesjährigen Reise, als auch die Fortführung unserer Freundschaft zweier Kulturen, die im Sommer 2019 mit dem Besuch der chinesischen Schülerinnen und Schüler in Deutschland begann. Ein prächtig gefüllter Zeitplan in China bot uns innerhalb der ersten Woche in China die Stadtrundreise. Die zweite Woche verbrachten wir dann wie normale Chinesen, indem wir in unseren Gastfamilien lebten und ihren Alltag und ihre Traditionen teilten.

Nach der Landung am Flughafen in Peking holten wir unsere Koffer am Gepäckband ab und begaben uns zur Sicherheitskontrolle, die etwas länger dauerte und sehr akribisch ausgeführt wurde. Schließlich trafen wir außerhalb des Terminals auf unsere Reiseführer Sasha und Gao. Wir waren nun also endlich in China. Das Abenteuer konnte richtig beginnen. Wir begaben uns mit den uns von nun an täglich begleitenden Aufforderungen „Ladies and gentleman, boys and girls“, sowie „Follow Sasha“, unter der Leitung unserer Reiseführer auf den ersten Teil unseres Chinaaustausches, die einwöchige Rundreise. In unserem eigenen Reisebus ging es am ersten Tag auf direktem Wege zur sonst für uns so weit entfernten chinesischen Mauer.

Unter dem Einfluss des langen Fluges und starker Müdigkeit sowie wenig guter Laune aufgrund des straffen Zeitplans ging es im Anschluss zum königlichen Palast, der aufgrund der Feiertage des 70jährigen Jubiläums der Volksrepublik China extrem stark besucht war. Die Fahrt dorthin nutzten wir -ganz wie die Einheimischen –für einen „Power Nap“. Dann endlich sahen wir unser lang ersehntes Bett, wir verbrachten unsere erste Nacht im Hotel. Kaum wach ging es um 7.00 Uhr Ortszeit mit dem täglichen „Morning-Call“ des Hotels zum Frühstück und direkt per Reisebus zum Platz des himmlischen Friedens und in die Verbotene Stadt. Gewöhnlichen Bürgern war der Zutritt zu dieser Stadt ursprünglich nicht erlaubt, doch wir durften uns die aus eindrucksvollen Tempeln gebildete Stadt ansehen, die auch heute noch ein Meisterwerk der chinesischen Architektur darstellt.

Gegen Ende des zweiten Tages hatten wir die Wahl zwischen dem Besuch eines von uns herbeigesehnten „Fake-Markts“ und einer Kung-Fu-Show. Die Kung Fu Show bot einen fantastischen Einblick in die Welt der chinesischen Kampfkunst und begeisterte das Publikum mit einer sagenhaften Bühnenshow und aufwendigen Choreografien der Darsteller. Doch auch der Besuch des Fake-Markts war ein typisch chinesisches Erlebnis. Zu unserer Überraschung waren die Händler sehr geschäftstüchtig und nutzten die Gelegenheit uns deutschen Touristen ihre Ware zu verkaufen. Da dieser Besuch nur der Testlauf für den nächsten Tag war, konnten wir hier wertvolle Erfahrungen beim Feilschen sammeln, wobei die Wortwahl sehr emotional war und nicht immer ganz freundlich blieb, aber das gehört zum Feilschen eben dazu.

Olympiastadion „Vogelnest“

Am dritten Tag ging es zum berühmten Vogelnest – dem Olympiastadion, in dem im Jahr 2008 die Sommerspiele, sowie die Paralympics stattfanden. Hier werden auch die Winterspiele 2022 stattfinden, wofür kein neuer Campus gebaut werden muss, da der alte wieder genutzt werden kann. Für uns war das beeindruckendste Erlebnis, das Olympiastadion live und in voller Schönheit zu sehen, das uns bisher nur aus dem Fernsehen bekannt war. Anschließend ging es mit den am Vortag gesammelten Erfahrungen auf einen größeren „Luxury-Fake-Markt“. Dort deckten wir uns mit allerlei nützlichen und unnützen Produkten ein und verglichen stolz die von uns ausgehandelten Preise miteinander.

Chinesische Mauer

Mit etwas Proviant und einem Lunchpaket unserer Reiseleitung waren wir dann bereit für die bevorstehende Fahrt mit dem Nachtzug. So ging es also weiter zum Pekinger Bahnhof und auch dieser war, wie schon der Flughafen Peking, von strengen Sicherheitskontrollen geprägt, wobei wir uns von Nagelfeilen und Trockenshampoo schnell trennen mussten. Wir verbrachten die Nacht im Zug in kuschligen Abteilen mit sechs Personen und sechs meist riesigen Koffern auf engstem Raum. Trotz der Umstände war dies für uns eine unvergessliche Erfahrung und im Nachhinein die wohl aufregendste Zugfahrt unseres Lebens.

Am nächsten Morgen nach einer achtstündigen Nachtfahrt erreichten wir Suzhou und machten uns auf den Weg, wie gewohnt mit unserem Bus und einem Power Nap, um das nächste Ziel Tongli, das chinesische Venedig, wach und mit offenen Augen genießen zu können. Das sollte aber noch nicht alles für diesen Tag gewesen sein, wir erinnern uns: Chinesische Programme sind vollgepackt mit Attraktionen. Es ging also weiter in eine berühmte Seidenfabrik, wo wir den Prozess der Herstellung von Seide beobachten konnten und auch Seidenraupen streicheln durften. Für uns war es erstaunlich zu sehen, wie aus den Kokons dieser kleinen Tiere Seide gewonnen wird.

Shanghai

Nach einer weiteren Nacht im Hotel fuhren wir am nächsten Morgen nun endlich nach Shanghai. Dies stellte für uns den Höhepunkt der Attraktionen und Erlebnisse dieser Rundreise dar. Es wurden viele Fotos geschossen, um dies in ewiger Erinnerung zu behalten. Doch keines der Bilder kann wirklich nahelegen, wie prächtig diese Großstadt doch ist.

Sanqingshan

Wir besuchten auch einen der großen Wolkenkratzer Chinas, von welchem wir auf das zweitgrößte Gebäude der Welt schauen konnten. Das Highlight des Tages war dann die nächtliche Bootsfahrt durch Shanghai und auch dort wurden Erinnerungen für unser Leben geschaffen. Am nächsten und auch letzten Tag der Rundreise fuhren wir mit dem Bus in die Heimatstadt unseres Reiseführer Gao, Hangzhou. Dort besuchten wir eine Teeplantage, nahmen dort an einer chinesischen Teezeremonie teil und probierten den berühmten Green Tea, welcher gegen viele Krankheiten ein gutes Heilmittel sein soll. Mit einer weiteren Bootstour in Hangzhou wurde die Rundreise beendet und es ging mit unserem Reisebus zu unseren Gastfamilien nach Yushan.

Schüler Yushan No. 1 Middle School

An der Yushan No. 1 Middle School erwartete man uns bereits voller Vorfreude und wir alle wurden extrem herzlich empfangen. Die Überraschung der verschiedenen Wohnsituationen war groß. Von Luxus-Suiten bis chinesischem Standard war alles dabei. Jeder Familienhaushalt bot uns einen individuellen Einblick in das Leben im weit entfernten China, wodurch es zum regen Austausch untereinander kam und zu überwältigenden Eindrücken, welche unser Leben auf ewig prägen werden.

Unsere Gastfamilien waren alle sehr freundlich und trotz der Sprachbarriere – einige Elternteile waren der englischen Sprache nicht mächtig – konnte man sich hervorragend verständigen, zur Not mit Händen, Füßen und einer Übersetzungsapp.

Chemieunterricht

Am nächsten Morgen besuchten wir zum ersten Mal unsere neue Schule. Die Yushan No. 1 Middle School umfasst 7000 Schüler und Schülerinnen, die täglich von 7:10 Uhr bis 22 Uhr dort sind, um sich auf ihr späteres Leben vorzubereiten. Was für uns unvorstellbar ist, ist für die chinesischen Schüler Alltag. So bekamen wir im Laufe der zweiten Woche einen guten Einblick in den chinesischen Schulalltag, dazu zählte jedoch nicht nur der Besuch der gewöhnlichen Schulfächer, wie Geschichte, Physik und Chemie, sondern auch Paper-Cutting (traditioneller Scherenschnitt), Kalligrafie oder Kung- Fu. Wobei Kung-Fu sich für uns als extrem anstrengend herausstellte. In der Schule bereiteten wir auch gemeinsam typisch chinesische Dumplings mit unseren Austauschschülern zu und verzehrten sie anschließend mit Genuss.

Scherenschnitt-Kurs

Neben den Schulaktivitäten gab es auch immer nachmittags Freizeitaktivitäten mit unseren Gastfamilien, die sich sehr viel Mühe gaben, uns interessante Erfahrungen machen zu lassen. So trafen wir uns mit den anderen Austauschschülern in Karaoke-Bars, töpferten, spielten Ping Pong oder Billard, gingen shoppen oder in eines der vielen verschiedenen Restaurants essen.

Einer der gemeinsamen Programmpunkte war die Besteigung des Berges Sanqingshan, hier wurden ebenfalls großartige Bilder gemacht und wir genossen die gemeinsame Wanderung ausgiebig.  

Schon bald brach der letzte Tag an und es hieß Abschied nehmen. Die Schüler beider Schulen präsentierten verschiedenste Begabungen, welche die Vielfalt beider Länder sehr gut zum Ausdruck brachten. Bei einem letzten gemeinsamen Essen verbrachten wir die übrige Zeit miteinander, wobei viele Tränen flossen. So ging es am 16. Oktober auf den Weg zurück in die Heimat nach Deutschland. Dies ist jedoch kein Ende, sondern ein Anfang und wir können frohen Mutes in die Zukunft blicken und auf ein Wiedersehen hoffen.

Für uns alle war dies ein unvergessliches Erlebnis mit vielen Höhepunkten und einer ausgiebigen Horizonterweiterung sowie einer Bereicherung unseres bisherigen Wissens. Die Freundschaften, die entstanden sind, werden ewig bestehen bleiben und auch die wundervollen Erfahrungen werden uns unser ganzes Leben lang begleiten. Der Austausch hat uns viele kulturelle Unterschiede vor Augen geführt, er hat uns aber auch in unserem Selbst gestärkt und mutiger gemacht, uns auf fremde Kulturen einzulassen. So haben wir nicht nur gelernt, selbstständiger zu sein und uns einer anderen Lebenssituation anzupassen, wir sind auch Zeuge von beeindruckenden Traditionen geworden und haben eine ganz andere Mentalität erfahren, die uns auch über unser Leben nachdenken ließ.

Durch einen solchen Austausch lernt man, was wirklich wichtig ist und dies entscheidet am Ende jeder für sich.

Celine Dieckmann, Ayse Kücükpehlivan, Hannah Kolodziej